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Aesthetik, sophistische

Sophistische Ästhetik des Erfolges.
Gut 300 Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung setzte sich in der griechischen Antike die Auffassung durch, Kunst sei "Nachahmung" (gr. mímesis, lat. imitatio) von Zuständen und Vorgängen.
Die Darlegungen der Philosophen Platon und Aristoteles lassen jedoch erkennen, dass es in Wirklichkeit gar nicht um ein vermeintliches Kopieren von Erscheinungen, sondern um ein Erzeugen von Formen und Gestalten nach eigenen Regeln ging.
Als man in der späteren, ästhetisch äußerst fruchtbaren Renaissance die Rede von der "Nachahmung" erneut aufgriff, verstand man darunter primär die Anlehnung an die Formensprache der Antike.
Nicht eine außerkünstlerische Wirklichkeit, sondern ästhetisch Geformtes sollte nachgeahmt werden.q1/ 33 f
Platon und Aristoteles reagierten mit ihrer Mimesis-These auf eine Kunsttheorie und Kunstpraxis, die die Sprachkunst der Dichtung und der öffentlichen Rede als Erfolg der Täuschung des Publikums verstand und insofern faktisch "avantgardistisch" vor dem Auftreten der Avantgarden 2000 Jahre später gewesen ist.
Diese Theorie und Praxis gehört den noch immer irgendwie übel beleumundeten "Sophisten" und ist daher bis heute so gut wie vergessen.
Dennoch besteht gerade heute im Zuge der Medien und Medientheorie die Möglichkeit, diese sophistische Ästhetik und das Interesse sie zu vergessen, besser zu rekonstruieren als in der Zeit der Herrschaft der Mimesis-Ästhetik.
Wir benötigen dazu einige Grundbegriffe über den Status von Texten und Medien, eine historische Einblendung und können danach zu einer Erklärung ansetzen.

EINIGE GRUNDBEGRIFFE ZU TEXT UND MEDIEN:
Prosa wird verstanden als Satz- und Textbildung, in der zwischen den betonten Silben unbestimmt viele unbetonte Silben liegen können.
Prosa stammt ab von "oratio proversa", nach vorn gerichtete Rede im Unterschied zum Vers als zum Anfang zurücklaufender Rede.
Die Versrede duldet nur wenige unbetonte Silben zwischen den betonten Silben.

Die abgeschlossene Einheit des Sinns ist der Satz.
Sätze fügen sich zu Texten.
Texte gliedern sich in Haupt – und Paratexte (Überschriften, Fußnoten etc.) und können Bezug nehmen auf andere Texte (die dann Kotexte heißen) und auf Vorgänge in der außersprachlichen Wirklichkeit Bezug nehmen (diese Wirklichkeit heißt dann Kontext).
Texte und Kotexte bilden zusammen Diskurse.q3/56

Sprache erscheint in diesen Definitionen als: Betonung, Satz, Text, Bezug auf Wirklichkeit.

Medium ist entweder ein Mittleres zwischen etwas, das nicht selbst Medium ist wie Sender und Empfänger, oder es ist ein Element in einem anderen Element, das selbst Medium ist wie zum Beispiel Fotos in Fernsehbildern, Fernsehinterviews im Radio.
In beiden Fällen muss das Medium als solches bereitgestellt und eingesetzt werden.
Solange Medien von Menschen bereitgestellt und eingesetzt werden, ist das Medium ein Mittel, ein Instrument.
Sobald Medien von Medien dazu bestimmt werden, als Medien zu funktionieren, verlieren sie ihren Instrument-Charakter.

Das ergibt eine vorläufige Sortierung:
1. Medium als etwas für etwas, das selbst kein Medium ist (Sender-Empfänger)
2. Medium als etwas in etwas, das selbst Medium ist (Foto, Ton - denn das war einmal eine revolutionsartige Erweiterung - im Film, Fernsehstimme im Radio, Telephon im Film etc.- aber auch bereits das Zitat in Texten).

Wieweit ist es möglich, den Instrument-Charakter des Mediums durch Medien zu ersetzen?
Man spricht heute von "Medienverbund" und meint damit die Bildung des Mediums im 2. Sinn durch Kopplung verschiedener Medien.

HISTORISCHE EINBLENDUNG:
Wenige Texte der Sophisten, aus ihrem Umkreis und über sie lassen erraten, dass in der Tat eine Redekunstpraxis des Erfolgs bestand.
Der Sophist Gorgias (ca. 485-376 vor Chr.) beispielsweise vergleicht in seinem Lob der Helena die Rede mit Drogen, die erfolgreiche Wirkungen zeigen.
Plutarch berichtet über die Ansicht des Gorgias hinsichtlich der Tragödie, sie sei ein Täuschungserfolg bei den Hörern:
"Wer täuscht, hat nämlich mehr Recht, weil er ausgeführt hat, was er versprach; der Getäuschte aber versteht mehr:
denn schon lässt er sich hinreißen von der Lust der Worte (hyph’hedonés lógon)."
Der von der Sophistik beeinflusste Historiker Thukydides legt einem gewissen Kleon folgende Scheltrede in der Volksversammlung in den Mund:
"Was geschehen soll, beurteilt ihr nach einer guten Rede als möglich, was schon vollbracht ist, nicht nach dem sichtbaren Tatbestand, sondern verlasst euch auf eure Ohren, wenn ihr eine schöne Scheltrede dagegen hört.
Auf die Neuheit eines Gedankens hereinfallen, das könnt ihr gut, und einem bewährten nicht mehr folgen wollen – ihr Sklaven immer des neuesten Aberwitzes, Verächter des Herkommens, jeder nur begierig, wenn irgend möglich, oder doch nur um die Wette mit solchen Rednern bemüht zu zeigen, dass er mit dem Verständnis nicht nachhinkt, ja einer geschliffenen Wendung im voraus beizufallen, überhaupt erpicht, die Gedanken des Redners vorweg erraten, langsam nur im Vorausbedenken der Folgen;
so sucht ihr nach einer anderen Welt gleichsam, als in der wir leben, und besinnt euch dafür nicht einmal auf das Nächste zur Genüge; kurz, der Hörlust (akoés hedoné) preisgegeben tut ihr, als säßet ihr im Theater, um Redekünstler (sophistón) zu genießen, und hättet nicht das Heil des Staates zu bedenken." (Thukydides III.38, vgl.q2/10f.)

ERKLÄRUNG DER SOPHISTISCHEN ÄSTHETIK DES ERFOLGS:
Was geschah also, wenn die Hörer mit einer derartigen Lust zuhörten?
Es sei hier die Antwort vorgeschlagen, dass sie nicht nur Empfänger einer Botschaft waren, sondern selber Teil eines Mediums.
Die Prosa der Rede war für sie kein instrumentelles Medium mehr, sondern Medium in dem Redemedium, sie wurden medialisiert.
Sie wurden Medium in etwas, das selbst Medium ist.
Sie verloren für die Zeit des Zuhörens ihre Stellung außerhalb des Mediums, um Medium in dem bezeichneten 2.Sinn zu werden.
Die zitierten und weitere Zeugnisse der Sophistik geben nur andeutungsweise Aufschluss, dass es sich so verhalten haben könnte.
Noch mehr weist die Verdammung der Sophisten jedoch in unsere Richtung.
Platon nämlich verbannt die Dichter aus seinem Staat, weil sie einer Erziehung zur sittlichen Einsicht entgegenwirken.
Das dichterische Wort ist jedoch versartig gebunden.
Die sophistische Rhetorik schlägt die Zuhörer jedoch mit Hilfe der Entfaltung von Prosa in ihren Bann. Das hatte Platon offenbar zutiefst irritiert.

Er erfand zwei Gegenmittel.
Zum einen war es eine andere Prosa als die der Sophisten, nämlich eine Prosa des Dialogs und der methodischen Ironie.
Das andere Gegenmittel bestand in dem Versuch, den Rederfolg der Sophisten als eine von Machtinteressen der Redner geleitete Medialisierung der Zuhörer zu denunzieren.

Wir dürfen diese Platonische Kritik als vorweggenommene Kritik an der heute progressiven Medialisierung in jenem 2. Sinn des Mediums lesen.
Wir dürfen jedoch ebenso die sophistische Erfolgsästhetik als eine lange vergessene Vorwegnahme dieser Medialisierung vermuten.

Ergänzungstext:
"Fragt man, ob nun nicht nur die Hörer, sondern auch der Redner selbst medialisiert sei im Urteil der Sophisten, so gibt es dafür keinen direkten Beweis aus den Texten.
Gorgias' "Lob der Helena" könnte jedoch in diesem Sinn interpretiert werden.
Weshalb? Gorgias nennt hier den "Logos" einen "großen Bewirker", denn er vollbringe Großes mit dem winzigen Organ der Zunge.
Der Redner, sobald er redet und dadurch einen kommunikativen Raum schafft, befindet sich nicht außerhalb dieses Raumes.
Wir können auch Platons Dauerbekämpfung der Sophisten anführen, die auf Manipulation der Hörer hinausläuft und dabei voraussetzen könnte, dass die Sophisten statt Manipulation eine beidseitige Mediatisierung beanspruchten.
Vielleicht hilft es auch weiter, sich an jene Stelle der "De arte poetica" des Horaz zu erinnern, wo es heißt:
"Nicht genügt es, dass Dichtungen formschön (pulchra) sind; süß und zu Herzen gehend sollen sie den Hörer ergreifen und unwiderstehlich mitreißen.
Das Menschenantlitz lacht mit den Lachenden und weint mit den Weinenden.
Willst du mich zu Tränen rühren, so musst du selbst zuvor das Leid empfinden (si vis me flere, dolendum est/primum ipsi tibi" V.99-103).
Horaz könnte hier ein älteres medienartiges Wissen aufbewahrt haben, wonach Dichter und Hörer sich beide in demselben Medium befinden.
Fragte man ferner, ob der Erfolg der Rede der Sophisten ästhetische Ursachen habe, so ist dies zu bejahen.
Insbesondere wichtig dürfte hierbei die Normierung der Rhythmen der Satzschlüsse sein, die verschiedene "cursus" erbrachte, die u.a. nach "eben", "langsam" oder "schnell" sortiert wurden und andere Satzschlüsse ausschloss.
Absichtlich gegen diese Künstlichkeit notierte Friedrich Schlegel später:
"In der wahren Prosa muss alles unterstrichen sein."

Eine weitere Frage betrifft die Deutung jenes Plutarch-Referates über Gorgias "der Getäuschte aber versteht mehr".
Vermutlich soll dieses Paradox den veritativen Status von Fiktion bezeichnen.
Jede Metapher ist eine Falschaussage mit Wahrheitsgewicht."

Jede ERgänzung geht schwanger mit weiteren und dem undisziplinierten Autor öffnet sich ein Blick auf eine Kette von Kindern und Kindeskindern, für die er das Sperma lieferte.

Bernhard H.F. Taureck


q1 Burke, P. (1990) Die Renaissance in Italien. Wagenbach, Berlin
q2 Taureck. B.H.F. (1995) Die Sophisten zur Einführung . Junius:,Hamburg
q3 Trabant, J. (1998) Artikulationen. Historische Anthropologie der Sprache. Suhrkamp, Frankfurt am Main

http:/NetzkunstWoerterBuch

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